Anja Krieger

Hilft ein Plastikabkommen auch dem Klima?

Die fünfte Umweltversammlung der Vereinten Nationen in Kenia hat den Weg zu einer internationalen Lösung des Plastikproblems geebnet. Die Unterstützung für ein globales Abkommen ist groß. Unklar bleibt, wie umfassend und verbindlich die geplante Vereinbarung sein wird. Bis 2024 soll das Plastikabkommen ausgearbeitet werden.

Wissenschaftlerin Melanie Bergmann in weißem Kittel vor einer Ablage mit Plastikmüll
Wissenschaftlerin Melanie Bergmann in weißem Kittel vor einer Ablage mit Plastikmüll
Meeresbiologin Melanie Bergmann
©
Ana L. Rodríguez Heinlein

„Nur ein Abkommen, das eine Minderung des Plastikkonsums vorsieht, kann die Klimawirkung von Plastik reduzieren,“ sagt Melanie Bergmann, Meeresbiologin und Plastikforscherin am Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). „Das findet sich nur im Vorschlag von Ruanda und Peru.“

Auch EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevicius hält es für zentral, die Produktion von fossilem Neuplastik zu verringern. "Wenn wir unsere Dekarbonisierungs-Ziele bis 2050 erreichen wollen, müssen wir die Nutzung fossiler Ressourcen stetig reduzieren, und ein Bereich ist da auch Plastik“, erklärte Sinkevicius gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Gespräche hinter verschlossenen Türen

Rund eine Woche vor Beginn der Verhandlungen im Februar 2022 enthüllte eine investigative Recherche, wie die US-amerikanische Chemieindustrie versuchte, die Position der US-Regierung zu beeinflussen. Dem Bericht zufolge wollte das American Chemistry Council (ACC) – eine einflussreiche Lobbygruppe der Öl- und Chemieindustrie – verhindern, dass die Produktion von Plastik eingeschränkt wird. Das Argument: Plastik habe viele Vorteile, auch für das Klima. Die Vereinigten Staaten sprachen sich gemeinsam mit Frankreich für ein Abkommen aus, wie das Weiße Haus meldete.

Monica Medina, die die Verhandlungen in Nairobi für die USA leitete, sagte Reuters, man wolle so innovativ wie möglich herangehen und keinen „präskriptiven Top-Down-Ansatz“ verfolgen. Klare Aussagen zur Einschränkung der Plastikproduktion oder den Zielen der US-Regierung machte Medina nicht.

Verbesserung von Müll-Entsorgung und Recycling nicht genug

Auch in Brüssel gab es Reuters zufolge vorab Treffen des ACC und des europäischen Verbands PlasticsEurope mit Regierungsvertreter:innen hinter verschlossenen Türen. Industrie-Zusammenschlüsse wie die „Alliance to End Plastic Waste“ plädieren dafür, das Problem durch verbesserte Abfall-Entsorgungssysteme, Recycling und Innovation anzugehen.

Dass das nicht ausreichen dürfte, zeigen zwei wissenschaftliche Studien von 2020 im Fachjournal Science, die erstmals Zukunfts-Szenarien berechneten. Dass die globale Belastungsgrenze für Chemikalien und Plastik bereits erreicht ist, belegt eine neue Studie in Environmental Science and Technologie. Und erst kürzlich hatte ein internationales Team von Expert:innen im Politikteil des Science Magazine ein bindendes globales Abkommen gefordert, das den gesamten Lebenszyklus des Materials und die Auswirkungen von Zusatzstoffen wie Weichmachern berücksichtigt und die Produktion von Neuplastik auf ein Minimum reduziert.

„Die Wissenschaft hat gezeigt, dass wir mit Plastik und Chemikalien bereits jetzt außerhalb sicherer planetarer Grenzen agieren,“ erklärte Melanie Bergmann. Auch in ihrer eigenen Arbeit begegnet der Wissenschaftlerin, die eigentlich Tiere am Boden der Tiefsee erforscht, immer wieder Plastik. „Sogar in der abgelegenen Arktis finden wir steigende Mengen von Plastikmüll am Meeresboden und tausende von Mikroplastik-Partikeln im Schnee, Meereis und Sediment der Tiefsee.“

Plastik: Hier forscht Helmholtz­­

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Pazifik-Expedition untersucht Vorkommen und Verbleib von Mikroplastik im Meer (UFZ). Mehr lesen>

Forscher:innen untersuchen, wie Bakterien Plastikabbau effektiver abbauen könnten (GEOMAR). Mehr lesen>

Die Auswirkungen des Meeresmülls auf marine Organismen und Ökosysteme werden immer stärker (AWI). Zum Bericht>

Das MicroplasticCompendium ist eine neue Informationsplattform zur globalen Plastikkrise (Hereon). Zur Plattform>

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