Klima in Bewegung - Wie sprechen wir so über das Klima, dass wir ins Handeln kommen?
Wie bewahren wir Ökosysteme, die Jahrmillionen der Evolution hervorgebracht haben? Was bedeuten der Klimawandel und andere Umweltveränderungen für unsere Gesundheit? Und wie gewinnt Klimakommunikation wieder an Kraft und Glaubwürdigkeit? Über diese Fragen haben Medienschaffende, Wissenschaftler:innen, Politiker:innen und weitere interessierte Personen diskutiert.
Unter dem Motto “Klima in Bewegung” hat die Dialog-Plattform Helmholtz KLIMA gemeinsam mit den Partnern Stiftung Gesunde Erde - Gesunde Menschen, Futurium, Museum für Naturkunde und Charité, am 06. Mai 2026 Journalist:innen und Fachexpert:innen zu einer bewegten Diskussion zusammengebracht. Bei einem Spaziergang entlang drei der renommiertesten Wissensorte in Berlin kamen die rund 30 Teilnehmenden u. a. mit Dr. med. Eckart von Hirschhausen, Arzt und Gründer der Stiftung Gesunde Erde - Gesunde Menschen und Prof. Dr. Katja Matthes, Direktorin des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und Leiterin von Helmholtz KLIMA in den Austausch.
Im Museum für Naturkunde ging es um die Frage, wie wir die Artenvielfalt und Biodiversität unseres Planeten bewahren können. Wie steht es um Ökosysteme wie Wälder und Ozeane, welchen Gefahren sind sie ausgesetzt und welche Lösungen halten sie bereit? Welche Geschichten haben in diesem Zusammenhang in den Medien bislang nicht genug Beachtung gefunden? Dass das kein Nebenthema ist, sondern unsere Lebensgrundlage betrifft, zeigten Prof. Johannes Vogel, PhD., Generaldirektor Museum für Naturkunde in Berlin und Prof. Dr. Josef Settele (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ) und Katja Matthes eindrucksvoll.
Expertise
Katja Matthes
Josef Settele
Claudia Traidl-Hoffmann
In der Charité haben die Teilnehmenden einen Eindruck davon bekommen, was der Klimawandel und andere Umweltveränderungen für unsere menschliche Gesundheit bedeuten – heute und in Zukunft. Ferner stellte Astrid Lurati, Vorstand Finanzen und Infrastruktur, Charité Universitätsmedizin Berlin dar, welche Nachhaltigkeits-Maßnahmen die Charité in Bezug auf Mobilität, Gebäude und Ernährung unternimmt. In Vorträgen und einer anschließenden Diskussion zeigten Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann, Direktorin des Instituts für Umweltmedizin bei Helmholtz Munich sowie Sophie Gepp, Charité - Universitätsmedizin Berlin | Centre for Planetary Health Policy (CPHP), wie stark die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit bereits heute sind. Die Quintessenz: Klimaschutz ist auch Gesundheitsschutz. Claudia Traidl-Hoffmann stellte zudem heraus, welche immensen Kosten durch Hitze entstehen und wie Klimawandel dadurch nicht zuletzt die Wirtschaft schwäche.
Aber wie können wir Menschen ins Handeln bringen und welche Rolle spielt dabei die Klimakommunikation? Zu diesem Thema trafen am Abend weitere, unterschiedliche Perspektiven aufeinander. Im Futurium diskutierten insgesamt rund 150 Personen bei einer Unterhausdebatte miteinander: die geladenen Journalist:innen mit Bundestagsabgeordneten, Vertreter:innen aus Wissenschaft und weiteren interessierten Personen.
Zu laut? Zu politisch? Zu abstrakt? – Eine Unterhausdebatte über Klimakommunikation
Ist die Klimakommunikation gescheitert? Sollten Klimawandelskeptiker:innen in den Medien zu Wort kommen? Und sind Klimaforschende aktiv genug im politischen Raum? Zu Fragen wie diesen sollten sich die Teilnehmenden deutlich positionieren. Zur Auswahl standen die Antworten “Ja” und “Nein”. Nicht immer einfach, doch von dieser provokanten Positionierung lebt das Format der Unterhausdebatte - streitbar, offen und lösungsorientiert. Das Besondere an dem Format: das Publikum wird aktiv Teil der Diskussion, Perspektiven werden sichtbar und Argumente werden direkt und auf Augenhöhe ausgetauscht.
Schon bei der ersten Frage wurde deutlich, wie unterschiedlich die Perspektiven auf den aktuellen Zustand der Klimakommunikation sind. Während sich viele Teilnehmende noch im Raum verteilten, positionierte sich Carel Mohn von Klimafakten bereits auf der Seite derjenigen, die die Klimakommunikation nicht als gescheitert sehen: „Die Mehrheit der Menschen ist besorgt und erwartet von der Politik mehr Klimaschutz.“ Der Ball liege nun bei der Politik.
Die meisten Wortmeldungen betonten, wie wichtig ein zukunftsgerichteter Blick ist: Ob die Klimakommunikation bisher erfolgreich genug war oder gar gescheitert ist, sei weniger relevant als die Frage, wie wir die Menschen aus der Resignation holen.
Dr. Jan-Niclas Gesenhues, Bundestagsabgeordneter und umweltpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen zeigte sich verhalten optimistisch. In Zukunft müsse es gelingen, die Rolle einer intakten Umwelt für den gesellschaftlichen Wohlstand deutlicher zu kommunizieren.
Kontrovers diskutiert wurde auch die Frage, ob Klimawandelskeptiker:innen im Sinne einer ausgewogener Berichterstattung in Medienformaten vertreten sein sollten. Einige Teilnehmende argumentierten, man müsse skeptische Stimmen kennen und verstehen, um Menschen mitzunehmen, die selbst Zweifel hätten. Entscheidend sei jedoch die wissenschaftliche Einordnung. Andere warnten vor dem Problem der „False Balance“ – also dem Eindruck, wissenschaftlich widerlegte Positionen seien gleichwertige Gegenargumente.
Ein Journalist brachte es wie folgt auf den Punkt: „Medien sollten sagen, was ist – und nicht, was nicht ist.“ Auch Toralf Staud von Klimafakten sprach sich klar gegen die Präsenz von Klimawandelskeptiker:innen in den Medien aus und betonte den Unterschied von Fakten- und Meinungsaussagen. „Natürlich ist es wichtig, verschiedene Meinungen, Einstellungen oder Parteien zu Wort kommen zu lassen, aber im Wissenschaftsjournalismus herrschen andere Maxime. Es gibt eindeutig klar belegbare Fakten und es wäre verzerrend, dann jemanden einzuladen, der den Klimawandel leugnet.“ Gleichzeitig plädierte er dafür, skeptischen Menschen zunächst zuzuhören und stärker über Lösungen zu sprechen.
Wie im politischen Raum mit Klimawandelskeptiker:innen umgegangen werden kann, beleuchtete die Bundestagsabgeordnete Katalin Gennburg (Die Linke). Sie warnte vor anti-aufklärerischen Tendenzen und betonte: “Physikalische Fakten sind nicht verhandelbar.” Deshalb brauche es Faktenchecks, Transparenz, gesellschaftliche Teilhabe und eine kritische Auseinandersetzung mit wirtschaftlichen Interessen.
Bei der Frage, ob Klimaforschende aktiv genug im politischen Raum seien, positionierte sich eine deutliche Mehrheit mit „Nein“. Stefan Brandt, Direktor des Futuriums und Gastgeber des Abends, betonte, dass wissenschaftliche Botschaften oft nicht ausreichend in politische Prozesse hineinwirkten. Entscheidend sei daher die Frage, wie Kommunikation wirksamer gestaltet werden könne. Viele der Teilnehmenden sahen weniger ein Quantitäts- als ein Qualitätsproblem.
Katja Matthes zeigte sich abwägend. Sie stellte klar, dass nicht jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler öffentlich kommunizieren müsse – gleichzeitig brauche es neue Formen der Zusammenarbeit der Wissenschaft mit Politik und Gesellschaft. “Es geht darum, der Politik lösungsorientiertes Handlungswissen an die Hand zu geben. Wir brauchen einen Dialog, um zu schauen, was die Politik braucht, was die Wissenschaft weiß und daraus zu entwickeln, wie wir gemeinsam weiterkommen”, so Katja Matthes.
Andreas Jung, stellvertretender Fraktionsvorsitzender für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Wirtschaftliche Zusammenarbeit & Entwicklung der CDU/CSU-Fraktion, betonte, dass bereits viele Wissenschaftler:innen in Gremien oder etwa bei den Scientists for Future aktiv seien. Es sei die Aufgabe von Politik und Gesellschaft, politische Entscheidungen zu treffen. In diesem Zusammenhang wies Andreas Jung darauf hin, dass das Thema Klimaschutz derzeit leider stark polarisiere und an Priorität verloren habe. Dabei, so Jung weiter, sei Klimaschutz auch Heimatschutz und damit ein konservatives Thema. Das Thema dürfe nicht als parteipolitisches „grünes Thema“ verstanden werden, sondern müsse als gesamtgesellschaftliche Aufgabe kommuniziert werden – etwa als Frage von Gesundheit, Sicherheit oder Souveränität.
Robin Mesarosch, Leiter des Klimadialogs der SPD, hob hervor, dass Forschende in der Gesellschaft eine besonders hohe Glaubwürdigkeit genießen. Gerade deshalb - und weil in der Politik viele Klimawandelskeptiker:innen aktiv seien - müssten sie wissenschaftliche Fakten klar benennen und „rote Linien“ sichtbar machen.
Auch die Bedeutung von Emotionen in der Klimakommunikation wurde intensiv diskutiert. Für Jan-Niclas Gesenhues kommen emotionale Aspekte bislang eher zu kurz. Klimaschutz müsse stärker mit Fragen von Heimat, Gesundheit oder Lebensqualität verbunden werden.
Dabei gingees jedoch nicht darum, Angst zu schüren oder in Alarmismus zu verfallen. Dies könne im schlimmsten Fall zu Verdrängung oder Konsumreaktionen führen, betonte Johannes Vogel. Daher sollte die Klimakommunikation nicht mit Emotionen überfrachtet werden.
Ganz ohne Emotionen würde es bei diesem Thema aber nie gehen, machte Kommunikationspsychologin Katharina von Bronswijk klar: “Egal wie wir den Klimawandel kommunizieren, er wird immer Emotionen auslösen.” Sie plädierte daher für einen differenzierten Umgang mit Emotionen und dafür, diese so zu lenken, dass Menschen ins Handeln kommen - ohne dabei zu manipulieren. Entscheidend sei außerdem zwischen Klimaskepsis und Transformationsängsten zu unterscheiden. Viele Debatten bewegten sich inzwischen ohnehin in einer neuen Phase: weniger Grundlagenwissen, mehr konkrete Fragen zur gesellschaftlichen Transformation.
Ob Klimawandel als verpflichtendes Querschnittsthema in allen Schulfächern verankert werden sollte, führte erneut zu unterschiedlichen Positionen. Einige betonten, wie wichtig es sei, dass sich junge Menschen frühzeitig mit der Bewahrung unserer Lebensgrundlagen auseinandersetzen.
Der Hinweis eines ehemaligen Berufsschullehrers verdeutlichte, dass ein “verpflichtendes Querschnittsthemen” nicht immer erfolgsversprechend sei und genau hingeschaut werden müsse, wie “Klima” im Lehrplan richtig vermittelt werden könne. Andere Teilnehmende wünschten sich das Thema eher in der beruflichen (Weiter)-Bildung.
Zum Abschluss diskutierten die Teilnehmenden, ob es künftig mehr oder weniger Klimanachrichten brauche. Verstärkt wurde deutlich, dass Klimafragen in allen Themenfeldern mitgedacht werden müssen - von der Wirtschaft bis zur Gesundheit. Es geht also weniger um “mehr” oder “weniger” als um das “wie”.
Besonders in der Lokalberichterstattung mache der Bezug zwischen bekannten Seen, Wäldern etc. die Auswirkungen des Klimawandels erst nachvollziehbar, so eine Journalistin.
Zum Abschluss erinnerte Eckart von Hirschhausen daran, worum es letztlich gehe: nicht nur um abstrakte Emissionszahlen, sondern um den Umgang mit unserer eigenen Lebensgrundlage – und um eine neue Form von Demut.
Klimakommunikation ist kein Randthema
Klimakommunikation ist weder gescheitert noch abgeschlossen. Es wurde aber deutlich, dass es besser als bisher gelingen muss, die Bedeutung des Klimawandels für Gesundheit, Lebensqualität und Wohlstand greifbar zu machen. Die Klimakommunikation befindet sich in einer Phase der Neuorientierung, und nimmt neben der reiner Wissensvermittlung Fragen von Teilhabe, Emotionen, Gerechtigkeit und konkreten Lösungen stärker in den Blick.
Bei "Klima in Bewegung" wurde auch klar: Klimakommunikation ist keine Aufgabe einzelner Wissenschaftler:innen oder Journalist:innen allein. Sie betrifft Politik, Medien, Bildungseinrichtungen und die Gesellschaft insgesamt. Oder, wie es im Laufe des Abends mehrfach formuliert wurde: Es geht längst nicht mehr nur darum, über das Klima zu sprechen – sondern darum, wie wir gemeinsam ins Handeln kommen.