15.06.2022
Holger Klein

Kommunen klimasicher machen

Nach den verheerenden Folgen des Starkregens im Juli 2021 in mehreren Bundesländern fragen sich Städte und Gemeinden in ganz Deutschland, wie sich besser schützen und an Wetterextreme anpassen können. 22 Wissenschaftler:innen unter Koordination des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig hatten unmittelbar nach dem Ereignis fünf wesentliche Prinzipien definiert. Ein Jahr ist seitdem vergangen.

„Schon wieder so ein Ereignis solchen Ausmaßes. Wir wissen es doch eigentlich besser“, dachte Christian Kuhlicke angesichts der Berichte über das Hochwasser in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen im Juli 2021, „wir müssen uns schleunigst zu Wort melden“. Nach nur 24 Stunden und vielen Telefonaten mit Kolleginnen und Kollegen quer durch Deutschland waren die „Fünf Prinzipien für klimasichere Kommunen“ formuliert. Im Grunde steht darin nichts, was selbst außerhalb der Fachwelt nicht längst bekannt gewesen sein sollte, doch Kuhlicke war und ist es wichtig, erneut in Erinnerung zu rufen, dass dieses Wissen existiert und dass auch nicht dahinter zurückgefallen werden dürfe.

Christian Kuhlicke
Christian Kuhlicke
©
Sebastian Wieding / UFZ

Die Katastrophe jährt sich zum ersten Mal. Der Wiederaufbau hat nicht nur längst begonnen, er ist an vielen Orten auch schon so weit gediehen, dass von den Verwüstungen und ersten Schadenbildern selbst dort kaum noch etwas zu erkennen ist, wo das Wasser ganze Ortskerne überflutet hatte, wie beispielsweise im nordrhein-westfälischen Stolberg.

Doch ein Wiederaufbau verläuft nicht linear und selten planvoll, denn die den Aufbau organisierenden Strukturen wachsen, während er stattfindet. Auch hier kann ein Blick auf die vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel hilfreich sein. Zu den Prinzipien für klimasichere Kommunen gehören eine Klimaprüfung kritischer Infrastrukturen und die Förderung der Klimasicherheit von Gebäuden. Das heißt, nicht nur zu bauen und wieder aufzubauen wie Einrichtungen und Landschaften in der Vergangenheit ausgesehen haben, sondern dabei den Blick in die Zukunft zu richten. Die Frage darf nicht allein sein, ob die Infrastrukturen in einigen Jahrzehnten noch funktionsfähig und wirtschaftlich sind, sondern auch, ob die Standorte in Zukunft noch sicher genug sein werden.

Viele Gebäude sind in Privatbesitz. Paragraph 5 des Wasserhaushaltsgesetzes sagt: „Jede Person, die durch Hochwasser betroen sein kann, ist im Rahmen des ihr Möglichen und Zumutbaren verpflichtet, geeignete Vorsorgemaßnahmen zu treen“. Für Kuhlicke ist das zu wenig. Er schlägt vor, entsprechende Anreizsysteme auszubauen, wie es sie für energetische Sanierungen längst gibt. ”So könnte beispielsweise die Fähigkeit von Gemeinden und Städten, Wasser zu speichern, erhöht werden, indem Hausdächer begrünt, versiegelte Flächen entsiegelt und neue Oberflächen durchlässiger gestaltet werden. Auch die Speicherfähigkeit von Landschaften ließe sich erhöhen”, ist Kuhlicke überzeugt Das wiederum, so Kuhlicke, wäre eine kommunale und staatliche Aufgabe, die ohne passenden Gestaltungs- und Durchsetzungswillen ebenso schwer lösbar sei, wie ohne Kooperationsbereitschaft und Solidarität aller Beteiligen.

Auch wenn die Prinzipien klar sind und sich bei Neubauten oder planvollen Sanierungen leicht anwenden ließen, stoßen sie bei eher erratischen Wiederaufbauten nach Katastrophen recht schnell an ihre Grenzen. Hier will das Projekt KAHR (KlimaAnpassung HochwasserResilienz) einen Beitrag leisten, indem es sich nicht erst nach vielen Jahren den fertigen Wiederaufbau ansieht, sondern versucht, sofort zu verstehen, wie der Wiederaufbau vonstatten geht, welche Probleme es gibt und welche Instrumente und Ansätze auch langfristig gebraucht werden, um den Gefahren durch Hochwasser gerecht zu werden.

Bis Ende 2024 werden in dem Verbundprojekt unter anderem mit Bauingenieuren, Hydrologen, Umweltwissenschaftlern und Raumplanern Fragen zur Klimaanpassung, der risikobasierten Raumplanung und zum Hochwasserschutz erarbeitet. Die Forschung geht so weit ins Detail, dass Betroene an der Tür befragt werden, wie sie auf welche Weise warum wieder aufgebaut haben (sie hätten auch wegziehen können). Es wird aber auch konkret geholfen. Die Beratungsgespräche des Kölner Hochwasserkompetenzzentrums mit Betroenen und Kommunen geben wichtige Hinweise wie jeder Einzelnen den eigenen Schutz verbessern kann. Es werden also konkrete Maßnahmen für einen klimaresilienten und zukunftsorientierten Wieder- und Neuaufbau in den betroenen Regionen gemeinsam mit der Praxis entwickelt.

Eine Bedienungsanleitung zum Wiederaufbau wird man am Ende aber trotzdem nicht in der Hand halten, räumt Christian Kuhlicke ein, ein besseres Verständnis davon, wie man Hochwassergefahren reduzieren kann aber sehr wohl. Und eine systematische Betrachtung eines Wiederaufbaus und seiner Bedingungen - denn die fehlt bislang.

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