„Wir können extreme Niederschläge nicht verlässlich vorhersagen"

International führende Klimawissenschaftler:innen fordern in einem jetzt erschienenen Nature-Climate Paper neue Klimamodelle für die Vorhersage extremer Niederschläge. Nur so seien künftig wirksame Anpassungsmaßnahmen möglich.

Foto von Georg Teutsch
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Georg Teusch
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Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

„Wir können Extremereignisse wie Starkregen nicht verlässlich vorhersagen“

Prof. Dr. Georg Teutsch ist Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und Co-Autor der Veröffentlichung in Nature Climate Change. Er leitet zudem die Helmholtz-Klima-Initiative.

Herr Teutsch, gemeinsam mit acht weiteren weltweit führenden Klimawissenschaftler:innen haben Sie gerade gefordert, eine ganz neue Generation von Klimamodellen zu entwickeln. Woran fehlt es denn derzeit in der Klimamodellierung?

Wir wissen derzeit nicht genau genug, wie sich Niederschläge entwickeln werden. Und das heißt auch, dass wir als Hydrologen Extremereignisse wie Starkregen, Überschwemmungen, aber auch Dürreperioden nicht verlässlich vorhersagen können. Wir verfügen heute zwar über ausgefeilte Klimafolgen-Modelle. Uns fehlen aber verlässliche Wetter- und Klimainformationen bei den Extremen, die unsere Modelle antreiben.

Welche Folgen hat das?

Das hat gravierende Folgen für uns. Solange diese Lücke nicht geschlossen ist und wir die extremen Niederschläge nicht genauer prognostizieren können, bleiben vor allem im Bereich der Anpassung an solche Extremereignisse große Unsicherheiten. Wir könnten sehr viel verlässlichere Entscheidungen darüber treffen, welche Anpassungsmaßnahmen künftig wirklich sinnvoll sind. Dabei werden die Extremereignisse mit dem fortschreitenden Klimawandel vermutlich häufiger und heftiger werden - und damit, neben der Gefährdung für Menschen auch sehr kostspielige Auswirkungen nach sich ziehen, etwa durch Schäden an Gebäuden, Straßen, Schienen oder Ernten.

Was ist denn das Problem der heutigen Modelle?

Die derzeitigen Vorhersagen vereinfachen die globalen wasserführenden Systeme in der Atmosphäre zu stark. Wir müssen die Auflösung um den Faktor 100 verbessern, um die wichtigen Prozesse in den Modellen so nachbilden zu können, dass sie wirklich aussagefähige Ergebnisse produzieren …

… was meinen Sie mit einer Verbesserung um den Faktor 100?

Die derzeitigen globalen Klimamodelle arbeiten auf einer 10- bis 100-Kilometer-Skala, die müssen wir auf eine 1-Kilometer-Skala bringen. Das wird uns aber nur in einer internationalen Kooperation gelingen. In unserem Kommentar fordern wir deshalb, dass sich die international führenden Modellierungszentren zusammenschließen, um gemeinsam die benötigte Rechenleistung langfristig zur Verfügung stellen zu können. Parallel dazu benötigen wir die entsprechenden Infrastrukturen, um die riesigen Datenmengen weiterverarbeiten zu können.

Wie hoch schätzen Sie die Kosten dafür ein?

Wir gehen derzeit davon aus, dass wir insgesamt 250 Mio € pro Jahr dafür benötigen. Diese Kosten sind nur ein winziger Bruchteil von dem, was wir durch eine verbesserte Vorhersage in diesem Bereich einsparen würden und könnte z.B. in einer G7- oder G20-Initiative aufgebracht werden. Wie schon gesagt, werden mit fortschreitendem Klimawandel die Kosten, die durch Extremwetterereignisse entstehen, noch deutlich zunehmen und davon sind v.a. ärmere Länder besonders betroffen. Und dabei sind noch nicht einmal der Verlust an Menschleben, Gesundheit oder ideellen Werten berücksichtigt.

Originalveröffentlichung: Slingo, J., P. Bates, P. Bauer, S. Belcher, T. Palmer, G. Stephens, B. Stevens, T. Stocker, G. Teutsch, 2022, Ambitious partnership needed for reliable climate prediction. Nature Climate Change.

 

 

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